Wie sich gute Führungskräfte manchmal selbst im Weg stehen können
- Barbara Ormsby

- 24. Nov. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 9. Jan.
Viele erfahrene Führungskräfte kennen diesen Moment. Er kommt leise.

Die Zahlen stimmen noch. Die Organisation läuft. Entscheidungen werden akzeptiert.
Und trotzdem fühlt sich Führung schwerer an als früher.
Entscheidungen kosten mehr Kraft. Dieselben Themen tauchen immer wieder auf. Fähige Mitarbeitende warten ab, statt selbst Verantwortung zu übernehmen. Die Führungskraft greift häufiger ein, bleibt nah an den Details und fragt sich, warum Fortschritt sich plötzlich zäh anfühlt.
Das liegt nicht an fehlender Motivation.
Und fast nie an mangelnder Kompetenz.
Es ist das Ergebnis von Erfahrung. Genauer gesagt: von Erfahrung, die nicht mehr zur heutigen Rolle passt.
Wenn frühere Stärken zur Gewohnheit werden
Erfolgreiche Führung beginnt oft mit klaren Qualitäten. Entschlossen handeln. Hohe Standards setzen. Zusammenhänge schneller erkennen als andere. Eingreifen, wenn es unklar wird oder unter Druck steht.
Diese Muster werden belohnt. Sie funktionieren. Sie bringen Ergebnisse.
Mit der Zeit werden sie selbstverständlich.
Was früher Bewegung erzeugt hat, wird zur automatischen Reaktion auf Komplexität. Die Führungskraft löst Probleme schneller, als das System lernen kann. Standards werden persönlich abgesichert, statt gemeinsam getragen. Verantwortung wandert nach oben, nicht in die Breite.
Das Problem ist nicht dieses Verhalten an sich.
Das Problem ist, dass es zum Standard wird.
Mit wachsender Verantwortung verändert sich jedoch, worauf Führung wirkt. Es geht weniger um den eigenen Beitrag und mehr darum, andere handlungsfähig zu machen. Erfahrung allein stellt diesen Wechsel nicht her. Häufig steht sie ihm sogar im Weg.
Warum ehrliches Feedback nach oben seltener wird
Je höher die Position, desto zurückhaltender werden Rückmeldungen.
Menschen wählen ihre Worte mit Bedacht. Sie sind vorsichtiger. Sie wollen nichts falsch machen. Vieles wird höflich verpackt oder gar nicht ausgesprochen. Was bei der Führungskraft ankommt, ist oft nur ein Ausschnitt.
So entsteht ein blinder Fleck. Führungskräfte sehen Ergebnisse, aber nicht immer, wie ihr eigenes Verhalten Zusammenarbeit und Entscheidungen beeinflusst. Sie nehmen wahr, dass Dinge stocken, aber nicht, warum Verantwortung immer wieder zu ihnen zurückwandert.
Ohne klares Feedback greifen sie stärker auf das zurück, was ihnen vertraut ist. Mehr Einsatz. Mehr Kontrolle. Mehr Nähe zu Entscheidungen.
Und genau das verschärft die Situation.
Wenn Führung unbeabsichtigt zum Engpass wird
Mehr Einsatz ist auf dieser Ebene kein neutraler Schritt mehr.
Schneller eingreifen, selbst entscheiden und Dinge eng begleiten fühlt sich verantwortungsvoll an. In der Praxis führt es oft dazu, dass andere abwarten, Verantwortung abgeben und weniger lernen.
Nicht, weil sie es nicht könnten. Sondern weil sich Zusammenarbeit über die Zeit an diese Form von Führung angepasst hat.
So entsteht Abhängigkeit. Die Führungskraft wird überall gebraucht. Entscheidungen sammeln sich bei ihr. Fortschritt hängt an ihrer Verfügbarkeit.
Viele sehr fähige Führungskräfte erleben genau das als große Ermüdung. Sie tragen viel, halten vieles zusammen, und wundern sich, warum es nicht leichter wird, obwohl sie so viel geben.
Das ist kein persönliches Scheitern
Zur Engstelle zu werden ist kein individuelles Versagen. Es ist die Folge einer Entwicklung, die lange gut funktioniert hat.
Sie entsteht, wenn innere Überzeugungen nicht mehr zur heutigen Rolle passen. Wenn Führung weiterhin über eigenes Leisten definiert wird, obwohl es inzwischen darum geht, andere tragfähig zu machen. Wenn bewährte Reaktionsmuster nicht mehr bewusst überprüft werden.
Wirksamkeit geht dabei nicht verloren, weil Fähigkeiten fehlen. Sie bleibt stehen, weil sich das innere Verständnis von Führung langsamer weiterentwickelt als Verantwortung und Komplexität.
An diesem Punkt geht es nicht um neue Methoden oder Werkzeuge. Es geht um innere Beweglichkeit. Darum, eigene Muster früh zu erkennen. Unklarheit auszuhalten, ohne sofort einzugreifen. Anderen Raum zu lassen, auch wenn es kurzfristig holpert.
Der erste Schritt
Erfahrene Führungskräfte brauchen selten mehr Tipps.
Was ihnen oft fehlt, ist ein klarer Blick auf sich selbst in ihrer heutigen Rolle.
Zu sehen, wie Erfahrung Entscheidungen lenkt. Wo Eingreifen zur Gewohnheit geworden ist. Wo Verantwortung aus gutem Grund nach oben wandert, und dort hängen bleibt.
Diese Klarheit verändert nichts auf einen Schlag.
Aber sie verschiebt etwas Grundlegendes.
Führungskräfte greifen bewusster ein. Sie lassen häufiger laufen. Sie halten Spannung aus, statt sie sofort aufzulösen. Und genau dadurch entsteht Raum, in dem andere Verantwortung übernehmen können.
Erfahrung wird so nicht zum Engpass.
Sondern wieder zu dem, was sie sein kann: Orientierung, Ruhe und Tragfähigkeit in komplexen Situationen.