Was sich verändert, wenn Führungskräfte wirksamer führen
- Barbara Ormsby

- 10. Nov. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 9. Jan.
Nach der Arbeit mit Führungskräften aus unterschiedlichen Branchen und Organisationsformen zeigt sich ein wiederkehrendes Muster:
Die entscheidenden Veränderungen liegen selten dort, wo sie zu Beginn vermutet werden.

Viele starten mit der Erwartung, als Führungskraft „anders“ zu werden.
Souveräner, klarer, inspirierender, weniger reaktiv.
Was sich in wirksamer Führungsentwicklung verändert, ist jedoch weniger offensichtlich – und deutlich anspruchsvoller.
Im Folgenden beschreibe ich, was sich erfahrungsgemäß verändert, wenn Führungskräfte ernsthaft an ihrer Wirksamkeit arbeiten.
Und was nicht.
Führungsentwicklung verändert nicht die Persönlichkeit. Sie erweitert den Handlungsrahmen.
Führungsentwicklung ersetzt keine Persönlichkeitsmerkmale.
Introvertierte bleiben introvertiert.
Analytische Führungskräfte bleiben analytisch.
Leistungsorientierung verschwindet nicht.
Was sich verändert, ist der verfügbare Handlungsrahmen.
Eine analytisch geprägte Führungskraft entwickelt kein neues Bedürfnis nach emotionaler Nähe, erkennt jedoch, in welchen Situationen Distanz zur Klärung beiträgt, und in welchen sie Entscheidungsprozesse blockiert.
Eine stark leistungsgetriebene Führungskraft verliert ihren Antrieb nicht. Sie gewinnt jedoch ein besseres Gespür dafür, wann dieser Antrieb Druck erzeugt, der Zusammenarbeit und Mitdenken hemmt.
Konfliktvermeidende Führungskräfte werden nicht konfrontativ. Sie lernen jedoch, Spannungen nicht vorschnell zu glätten, sondern so lange im Raum zu halten, bis tragfähige Lösungen entstehen.
Der Kern von Führungsentwicklung liegt nicht in der Veränderung von Persönlichkeitsmerkmalen, sondern in der Erweiterung von Handlungsmöglichkeiten.
Diese Veränderung ist selten spektakulär.
Es gibt keinen Bruch mit der bisherigen Rolle.
Aber sie ist für Teams und Mitarbeitende unmittelbar spürbar.
Einige Muster verändern sich schnell. Andere bleiben lange stabil.
Bestimmte Verhaltensweisen lassen sich vergleichsweise zügig verändern.
Sobald Führungskräfte Rückmeldung darüber erhalten, wie ihr Verhalten im Arbeitsalltag tatsächlich wirkt, verlieren manche Gewohnheiten rasch an Bedeutung. Dazu zählen häufiges Unterbrechen, übermäßiges Erklären, vorschnelles Entscheiden oder das Ausweichen vor klaren Positionen aus Harmoniegründen.
Wer diese Muster erkennt und gezielt reflektiert, kann sie innerhalb überschaubarer Zeiträume abschwächen.
Andere Muster sind deutlich stabiler.
Dazu gehören Verhaltensweisen, die eng mit der eigenen Rolle und dem bisherigen Erfolg verbunden sind. Zum Beispiel immer verfügbar zu sein, Entscheidungen selbst abzusichern, fachlich recht behalten zu wollen oder Risiken konsequent zu vermeiden.
Diese Muster sind nicht zufällig entstanden. Sie haben über Jahre funktioniert und Leistung ermöglicht. Genau deshalb lassen sie sich nicht einfach ablegen, ohne dass zunächst Unsicherheit entsteht.
In der Führungskräfteentwicklung geht es daher nicht darum, diese Muster zu eliminieren.
Es geht darum, sie bewusst einsetzen zu können.
Führungskräfte lernen zu erkennen, in welchen Situationen diese Muster automatisch greifen, welche Nebenwirkungen sie für Zusammenarbeit und Entscheidungsqualität haben und wann andere Vorgehensweisen hilfreicher wären.
Das Ergebnis ist keine vollständige Ablösung alter Muster, sondern mehr Steuerungsfähigkeit.
Nicht immer, aber immer öfter.
Einsicht allein führt selten zu nachhaltiger Veränderung
Die meisten erfahrenen Führungskräfte sind reflektiert.
Sie kennen Modelle.
Sie können ihr eigenes Verhalten gut beschreiben.
Und dennoch führt Einsicht allein selten zu stabiler Veränderung.
Der Grund ist einfach: Führung findet nicht im Reflexionsraum statt, sondern unter Druck.
In Situationen mit Zeitknappheit, Zielkonflikten, widersprüchlichen Erwartungen oder persönlicher Sichtbarkeit greifen vertraute Reaktionsmuster. Nicht aus mangelndem Wissen, sondern weil sie schnelle Orientierung versprechen.
Veränderung entsteht erst dann, wenn neue Handlungsoptionen genau in diesen Situationen erprobt werden. Etwa innezuhalten, wenn schnelle Entscheidungen erwartet werden. Offen zu bleiben, wenn Kontrolle vermeintlich Sicherheit bietet. Spannungen nicht sofort aufzulösen, sondern arbeitsfähig zu halten.
Wirksame Führungsentwicklung zeigt sich dort, wo neue Verhaltensweisen auch unter Belastung verfügbar bleiben.
Führungsentwicklung ist keine Persönlichkeitsarbeit
Ein zentraler Unterschied.
Persönliche Weiterentwicklung richtet den Blick auf die einzelne Person.
Führungsentwicklung richtet den Blick auf Führungshandeln und dessen Wirkung in der Organisation.
Die relevante Frage lautet nicht, ob eine Führungskraft sich subjektiv weiterentwickelt hat.
Sondern, was in Zusammenarbeit, Entscheidungsfindung und Verantwortungsübernahme möglich wird, weil sie anders führt.
Konkret zeigt sich das unter anderem so:
Meetings werden strukturierter und klarer.
Entscheidungen werden robuster und weniger abhängig von einzelnen Personen.
Konflikte werden früher sichtbar und sachlicher bearbeitet.
Verantwortung wird breiter getragen.
Diese Effekte lassen sich nicht über Persönlichkeitsmerkmale erfassen.
Sie zeigen sich in der Qualität von Entscheidungen und Ergebnissen.
Wenn Führung sich verändert, reagiert die Organisation unmittelbar
Viele Führungskräfte erwarten, dass Entwicklung sich vor allem innerlich bemerkbar macht.
Was sie stattdessen beobachten, ist Bewegung im Arbeitsalltag.
Mitarbeitende sprechen Themen direkter an.
Probleme werden früher benannt, ohne Eskalation.
Teams warten weniger auf Freigaben.
Führung wird seltener zum Engpass.
Nicht, weil sich die Führungskraft zurückzieht, sondern weil sie unbewusstes Kontrollverhalten reduziert.
Führung wirkt hier weniger durch Einflussnahme, sondern durch Klarheit, Präsenz und verlässliche Rahmenbedingungen.
Schon kleine Veränderungen im Zuhören, im Setzen von Prioritäten oder im bewussten Nicht-Eingreifen verändern die Zusammenarbeit spürbar.
Was sich nicht verändert
Führungskräfte werden nicht dauerhaft gelassen.
Sie hören nicht auf, Verantwortung zu empfinden.
Unsicherheit und Spannung bleiben Teil der Rolle.
Was sich verändert, ist der Umgang damit.
Statt reflexhaft zu reagieren, entsteht mehr Entscheidungsspielraum.
Statt Komplexität zu vereinfachen, kann sie länger ausgehalten und bearbeitet werden.
Statt alles selbst zu tragen, wird Verantwortung geteilt.
Diese Fähigkeit, unter Druck handlungsfähig zu bleiben, ist der Kern wirksamer und skalierbarer Führung.
Sie ist anspruchsvoll, wenig spektakulär und hoch wirksam.
Nicht, weil sie Führungskräfte beeindruckender macht,
sondern weil sie Organisationen entscheidungsfähiger, lernfähiger und robuster macht.
Das ist die Veränderung, die bleibt.
